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Tausalz: Pflanzenphysiologie

Zusammenfassung von Rudolf Behm

(Der Verfasser, Diplom-Chemiker und Forstmeister a. D., beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Pflanzenphysiologie, folgende Zusammenfassung schrieb er 2006 ursprünglich für einen Rundbrief der Grünen Liga Brandenburg.)

Tausalzschäden an Brandenburger Alleen

Immense Mengen werden gestreut!

Alle Jahre wieder werden zur Winterzeit vielerorts Straßen, Plätze und andere Flächen mit Streusalz "gepökelt". Beträchtliche Mengen kommen so zusammen und belasten die natürlichen Kreisläufe der Natur. An dieser Stelle einige bekannt gewordene Daten: Für den Winter 2000/01 kündigte das Potsdamer Verkehrsministerium an, 40.000 Tonnen Salz auf den Straßen einzusetzen; die Straßenmeisterei Eberswalde (Barnim) hatte 2003/04 für die 250 km ihres Streckennetzes 600 Tonnen Salz eingelagert; der Straßenmeisterei Bad Freienwalde (Märkisch Oderland) standen 2004/05 für 244 km Straße 850 Tonnen zur Verfügung. Aus der Bundesstraßenmeisterei wird berichtet, dass die Lager mit Streugut bis an die Decke voll und alle Maschinen für Salz ausgelegt sind. Weitere Mengen werden von kommunale Einrichtungen eingesetzt. Schließlich verstärkt sich im privaten Bereich der Trend, auf Gehwegen und anderweitig Salz zu streuen, statt mit Besen und Schaufel den Schnee zu räumen und wenn nötig, mit Sand oder Splitt abzustumpfen. Sicher fördert das im Handel breit gefächerte Angebot an handlichen Streusalzpackungen solch unbedachtes Handein.

Salz auf den Straßen in Deutschland seit den 50er Jahren

Erste Versuche, Salz (Natriumchlorid) auf Straßen einzusetzen, um Eis und Schnee aus dem Wege zu räumen, begannen 1914 in Philadelphia (USA). In der Bundesrepublik kam das Streuen mit Salz in den 50er Jahren in Gang, um damit den wachsenden Straßenverkehr zu begünstigen. Anfang der 60er Jahre wurde in der DDR als chemisches Auftaumittel 36 %ige Magnesiumchloridlösung, ein Abfallprodukt der Kaliindustrie - meist als Sprühlauge bezeichnet -, eingesetzt. Nach der Wende wurde dieses umweltfreundliche Verfahren eingestellt und die Technik auf das pflanzenschädlichere Natriumchlorid umgerüstet. Heutzutage wird häufig schon bei wenigen Zentimetern Neuschnee gestreut. Dann kann auf "schwarzer Straße" sogleich mit hoher Geschwindigkeit gefahren werden.

Wo verbleiben die enormen Salzmengen?

Nach offizieller Version aus Verkehrsministerium und Straßenmeistereien verbleibt das Salz nach dem Streuvorgang auf der Fahrbahn. Die Realität jedoch sieht anders aus. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt bildet sich ein Gemisch aus Wasser, Salz und Straßenschmutz. Dieses wird im Fahrbetrieb aufgewirbelt. Es gelangt als Spritzbrühe auf den Grünstreifen, ein Teil direkt an Baumstämme oder auf Gehölze. Bei entsprechenden Windverhältnissen können salzhaltige Aerosole mehr als 100 Meter in die Landschaft verweht werden. Beträchtliche Mengen bleiben an den Kraftfahrzeugen haften und werden in Garagen oder Grundstücke verschleppt. Salzlösung setzt sich auch im Straßenbelag, in Mauerwerken oder anderweitig fest. Letztendlich wird über Schmelz- und Niederschlagswasser restliches Salz ausgeschwemmt. Es versickert im Boden, gelangt in den Wurzelbereich der Pflanzen oder bis ins Grundwasser. Weitere Mengen werden über die Kanalisation "entsorgt".

Schadmerkmale an der Vegetation

An Laubbäumen zeigen sich die ersten Schadsymptome frühzeitig im Sommer. Sie beginnen mit einer Gelbfärbung (Chlorose) der Blattränder, mitunter schon Anfang Juni. Anschließend werden die Ränder braun (Blattrandnekrose) und rollen sich meist ein. Nach und nach wird immer mehr Blattfläche erfasst. Das Laub fällt vorzeitig zu Boden oder bleibt verdorrt am Baumhängen. Ein weiteres Merkmal ist, dass innerhalb der Krone älterer Bäume zunächst nur vereinzelte Partien diese Blattschäden zeigen, andere dagegen noch grün und gesund erscheinen. Durch permanenten Salzeinsatz werden mehr und mehr Kronenteile geschädigt. Anschließend vertrocknen ganze Äste von ihrer Spitze her. Damit ist dann der Stand erreicht, wo vom Baum eine Verkehrsgefährdung ausgeht. Besonders betroffen sind Ahorn-, Linden- und Pappelarten, Rosskastanie, Baum-Hasel. Junge Bäume zeigen ähnliche Merkmale, bleiben im Wuchs zurück und sterben bei fortgesetztem Salzstress allmählich ab. Nadelbäume reagieren empfindlicher als Laubbäume. Nadeln betroffener Fichten sind gelbfleckig oder rotbraun, vertrocknen später und fallen ab.
Mitunter führen anderweitige Ursachen zu ähnlichen visuellen Schadmerkmalen. Besteht dieser Verdacht, ist anhand chemischer Analysen von Blatt- und Nadelproben sicher nachzuweisen, ob eine Salzschädigung vorliegt oder nicht. Im Vergleich zu gesunden Proben enthält geschädigtes Material mehrfach höhere Chloridgehalte. Es sind auch Grenzwerte für toxische Chloridgehalte bekannt. Nach R. Behm und W. Keßler enthalten z. B. geschädigte Fichtennadeln mehr als 0,4 % Cl, gesunde dagegen weniger als 0, l % Cl (veröffentlicht 1971). Auch Knospen, Rinde, Holz, Wurzeln und Bodenproben können zu Untersuchungen herangezogen werden.

Umfangreiches wissenschaftliches Schrifttum

Seit Mitte der 60er Jahre sind zur Streusalzproblematik umfangreiche wissenschaftliche Publikationen erschienen. So ist bekannt, dass die aus dem Salz stammenden Chlorid-Ionen über die Wurzel aufgenommen und zu den Blatt Organen transportiert werden. Dies führt zu schwerwiegenden Störungen im Wasserhaushalt der Pflanzen. Hinzu kommt, dass das Salz im Boden Pflanzennährstoffe verdrängt bzw. deren Aufnahme durch die Pflanzenwurzeln hemmt. Normales Wachstum wird dadurch behindert. Darüber hinaus zerstört Natrium die natürliche Bodenstruktur und wirkt verschlämmend. Eine mangelnde Bodendurchlüftung ist die Folge. Außerdem werden für die Bodenqualität wichtige Kleinlebewesen abgetötet. Diese negativen Eigenschaften besitzen die Magnesium-Ionen nicht. Die giftigen Wirkungen von Tausalz erstrecken sich nicht allein auf Flora, Fauna und Boden. Das aggressive Salz greift Straßenbelag, Stahlbeton, Mauerwerk (insbesondere von Altbauten), Karosserie und Elektronik von Fahrzeugen sowie Schuhwerk an. Haustierpfoten erleiden Verätzungen oder Entzündungen. An gesalzene Straßen angrenzende Gärten sind durch Spritzwasser oder abfließendes Schmelzwasser gefährdet. Gartenexperten empfehlen, immergrüne Pflanzen mit Schilfmatten zu schützen, an Zäunen Folien anzubringen oder einen kleinen Erdwall zur Straße hin anzulegen.

Die Information der Bürger ist unerlässlich

Das Wissen über all dieser Zusammenhänge ist unter den Bürgern erschreckend dürftig. Nicht zuletzt, weil die zuständigen Behörden seit Jahren die Schadwirkung der Auftausalze verharmlosen. In deren Medieninformationen findet sich bisher kein einziges Wort zu den deutlich sichtbaren und exakt nachweisbaren Nebenwirkungen von Auftausalz. Als Begründung der jährlich massiven Fällaktionen - 2004 fielen an Bundes- und Landesstraßen Brandenburgs 11.235 Bäume der Säge zum Opfer - werden vorrangig starker Pilzbefall und Fäulnis genannt. Fakt ist, daß jahrelanger Salzstrss die Bäume hochgradig schwächt und sie für Infektionen besonders anfällig macht. Umweltverbände und verantwortungsbewusste Einrichtungen sowie sachkundige Bürger leisten deshalb unzählige Aktivitäten und Aufklärungsarbeit. Für den Winter 2001/02 finanzierten z. B. Robin Wood und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Zusammenarbeit mit der Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen ein "Anti-Tausalz-Faltblatt" mit Protestpostkarte [344 KB] . Im vorgeschlagenen Text zur Absendung an den zuständigen Landesminister hieß es u. a.: "Tausalz sollte wirklich nur auf Hauptstraßen bei plötzlicher Eisglätte verwendet werden. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre betrifft das maximal 10 Tage pro Saison. Im Normalfall sollten bei Schneefall Kehrmaschinen eingesetzt werden." Der Minister erhielt reichlich Post, eine offizielle Reaktion erfolgte nicht. Kürzlich erschien im ROBIN WOOD Magazin, Zeitschrift für Umweltschutz und Ökologie, der Beitrag "Kein Salz auf Alleen", eine vierseitige Info mit beeindruckenden Farbfotos. Die Redaktion des bundesweit erscheinenden Magazins wird geleitet von Dr. Christiane Weizel in Schwedt/Oder.

Möge dieser Artikel zum bewußteren Umgang mit unserer bedrohten Natur beitragen!