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Der nächste Winter kommt bestimmt!

von Frieder Monzer (Naturmagazin Berlin-Brandenburg 2003)

Zum aktuellen Stand der Brandenburger Anti-Tausalz-Diskussion

Zu den Gefährdungen unserer Alleen gehören undifferenzierter Tausalzeinsatz und dilletantische Pflegemaßnahmen. Gelegentlich entsteht sogar der Eindruck, daß mit dem "Pökeln" der Straßen und dem Einsatz unqualifizierter "Pflegefirmen" die Beseitigung von Grün im Straßenraum forciert werden soll.

Ab Juli sind Salzschäden an Bäumen wieder in stärkerem Maße sichtbar, es beginnt mit Blattrandnekrosen, führt mitunter zu einem auffälligen Nebeneinander vertrockneter und gesunder Baumteile bis hin zum Absterben ganzer Bäume. Beim Bankettschnitt entstehen oft Stammverletzungen, mancher Kronenschnitt gleicht einer Hinrichtung, Angriffsflächen für Pilzkrankheiten werden geschaffen und Bäume im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Gleichgewicht gebracht.

Harald Galfe ermittelte für den Winter 2000/01, daß in Brandenburg pro Straßenkilometer 2800 kg Salz bereitgehalten wurden. Mit üblichen Kaufhallen-Kochsalzpäckchen verglichen also fünfeinhalb pro Meter.

Manche Länder (Finnland, Dänemark, Slowakei, Österreich, ...) kommen nahezu ohne Tausalz aus und vertrauen auf entsprechende Winterkenntnisse der Autofahrer. In den Bundesländern Deutschlands wird Salz in recht unterschiedlichen Größenordnungen eingesetzt. Einige Kommunen Deutschlands verbieten den Salzeinsatz generell. Die Winterdienste in Brandenburg und Sachsen sehen Salz dagegen offensichtlich als wichtigstes Mittel gegen Schneeflocken an.

Bald nach Gründung der Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen entstand eine kleine Expertenrunde (darunter der Eberswalder Forstwissenschaftler Rudolf Behm), die sich speziell der Tausalzthematik widmet. Für den Winter 2001/02 finanzierten Robin Wood und der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD) ein Anti-Tausalz-Faltblatt, welches eine vorgedruckte Protestpostkarte an den zuständigen Landesminister enthielt. Im Text der Karte heißt es: "Tausalz sollte wirklich nur auf Hauptstraßen bei plötzlicher Eisglätte verwendet werden. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre betrifft das etwa sieben bis maximal zehn Tage pro Saison. Im Normalfall sollten sofort bei Schneefall Kehrmaschinen eingesetzt werden. Bitte informieren Sie mich über die Praxis des Brandenburger Straßenwinterdienstes in der nächsten Saison." Die Schutzgemeinschaft sieht darin einen realistischen Kompromißvorschlag, im Potsdamer Raum gibt es seit Jahren höchstens fünf Tage mit Blitzeis. Die Auflage war schnell vergriffen, und der Minister erhielt reichlich Post. Bekannt wurde letzteres der Schutzgemeinschaft durch Gespräche am Rande von Veranstaltungen, eine offizielle Reaktion erfolgte nie. Inzwischen wurde die Schutzgemeinschaft jedoch eingeladen, eine Salzlagerhalle zu besichtigen.

Gisela Ziehm aus Bad Freienwalde bewies im letzten Winter, daß engagierte Bürger mitunter mit relativ geringem Aufwand den Salzeinsatz reduzieren können. Sie hatte in ihrem Wohnumfeld bemerkt, daß Salz in hoher Dosierung sogar vorbeugend gestreut wurde. Der Bürgermeister war diskussionsbereit und berief schnell eine kleine Runde ein, der unter anderem der Bauamtsleiter und die Winterdienstfirma angehörten. Es wurde für den Zuständigkeitsbereich der Kommune festgelegt, Salz nur noch auf Hauptstraßen zu streuen. Dieses Beispiel sollte Mut machen, bei ähnlichen Beobachtungen regionale und kommunale Entscheidungsträger direkt anzusprechen. In Schweden bezahlen die Kommunen den Winterdienstfirmen übrigens nur so viel Salz, wie ihnen durch die Wettervorhersage gerechtfertigt erscheint.

Für Verwirrung sorgte Anfang 2003 ein vom Umweltbundesamt herausgegebener Text mit dem spröden Titel "Machbarkeitsstudie zur Formulierung von Anforderungen für ein neues Umweltzeichen für Enteisungsmittel für Straßen und Wege, in Anlehnung an DIN EN ISO 14024". Bei der betrachteten Fragestellung schneiden abstumpfende Streumittel (Sand, Split) schlechter ab als sparsamer (!!) Feuchtsalzeinsatz. Daraus bastelte die Tausalzlobby fix Hurra-Pressemeldungen und kontaktierte verstärkt Verkehrspolitiker. Daß die Studie mehrfach (!!) für sogenannte Nullstreuung als ernstzunehmende Alternative und für punktuelle Flächenheizung plädiert, daß vor jeglicher Ausbringung von Streustoffen sowieso (!!) gründlichst geräumt werden sollte, daß unbedingt (!!) ein kontrollierter Wasserabfluß bei Salzausbringung gewährleistet sein muß, war natürlich kein Thema dieser Lobbyarbeit. Kenntnisse zur Pflanzenphysiologie blieben im der Studie merkwürdigerweise unbeachtet, lediglich weiterer Forschungsbedarf wurde angemahnt.

Tausalz schadet übrigens nicht nur Alleebäumen, sondern wirkt auch im wahrsten Sinne des Wortes ätzend auf Straßen, Gebäude, Autos, Schuhwerk, ...

Ebenso muß bezweifelt werden, hoher Salzeinsatz würde pauschal der Verkehrssicherheit dienen. Denn immer wieder warnt der TÜV Rheinland, daß Salzbeläge in Bremssystemen den Bremsweg verdoppeln können. Bremsen werden aber bei Salzaufbringung besonders dringend benötigt, denn das Salz lockt Wildtiere an die Straßen.