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Zum Umgang mit der sogenannten Jahrhundertflut

von Michael Bartsch
Quelle: www.freitag.de/2003/18/03180402.php


In Sachsen ist von einem nachhaltigen Hochwasserschutz kaum mehr die Rede

»Hier wird sich etwas ganz Tolles entwickeln!« Es gibt wohl kaum einen pragmatischeren Naturschützer als Tobias Mehnert, aber an der Flussaue bei Falkenau vor der Stadt Flöha gerät er ins Schwärmen. Schon einige Jahre bemühte sich sein Naturschutzverband Freiberg um den Erwerb dieser zehn Hektar großen Fläche. Das Hochwasser hat nun der Einwilligung des bisherigen Eigentümers nachgeholfen, so makaber es klingt. Was einmal eine durch einen kleinen Deich geschützte Ackerfläche war, hatte die Flöha in der Nacht zum 13. August 2002 in eine Insel verwandelt. Der Fluss teilt sich nun in zwei Arme, bevor ihn die Bebauung der Stadt Flöha wieder einzwängt. Abbruchkanten markieren das neue Flussbett, ein Canyon im Kleinformat, breite Schotterflächen und umgestürzte Bäume bestimmen das Bild.

Jede Fläche, auf der sich Wasser ausbreiten kann, mildert zumindest die Spitzen von Flutwellen, auch wenn man stets den gesamten Gewässerlauf betrachten muss. »Statt 20 Metern hat die Flöha nun 500 Meter zum Pendeln. Sie verteilt Energie, kann in die Breite erodieren und landet mehr auf«, beschreibt Tobias Mehnert die Wirkung »seiner« Aue. Der beim Hochwasser vielfach unterspülte Bahndamm am Prallhang der Flussbiegung wird entlastet. Und in dreißig, vierzig Jahren könnten hier ein Auwald und eine Vogelinsel zu sehen sein, träumt der Naturschützer.

Stückwerk ohne Weitblick

Renaturierung ist hier gleichbedeutend mit Hochwasserschutz. Beim Winterhochwasser um den Jahresbeginn hat sich das schon gezeigt. Dafür aber müssen Ausbreitungsräume frei von Nutzung erworben werden, meist von privaten Eigentümern. Genau so lautet auch die Strategie des Freiberger Naturschutzverbandes. Laut Mehnert ist der Flächenerwerb überhaupt das einzige Mittel, zumindest in ausgewählten Gebieten wirksamen Naturschutz zu betreiben. Staatlichen Stellen misstraut er aufs tiefste. »Die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut«, adressiert er seine Kritik insbesondere an das sächsische Umweltministerium. So sieht beispielsweise das im November des Vorjahres verabschiedete Wiederaufbaugesetz eigentlich die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten vor. Zugleich wurden dem Landwirt eben dieser Falkenauer Flöha-Aue 12.000 Euro Fördermittel zugesagt, um den früheren Nutzungszustand wieder herzustellen.

Etwas weiter oberhalb in Hohenfichte kann man ein weiteres Beispiel für Stückwerk beobachten. Die reißende Flöha hatte einen Damm durchbrochen und den Weg abgekürzt. Statt auf ungefähr fünf Hektar gefährdetes Ackerland zu verzichten und den anliegenden Agrarbetrieb zu entschädigen, ist der Damm wieder geflickt worden. Naturschützer Tobias Mehnert fällt es hier leicht, sich gegen Agrarsubventionen und für den freien Markt auszusprechen. »Wenn nicht durch Subventionen ein künstlicher Nutzungszustand erhalten würde, läge vieles aus ökonomischen Gründen brach.« Er weiß allerdings auch um das Problem, dass die Mitteleuropäer »einfach kein Stück Land so wild liegen lassen können, wie es nun einmal liegen geblieben ist«.

Sportplatz wird Flussaue

Der Weg ins nahe Hohenfichte erfordert übrigens einen langen Umweg, denn nach wie vor sind einige Brücken unpassierbar. Auch bei Pockau führt die Bundesstraße noch über eine Behelfsbrücke. Unweit dieser Brücke ist hier am oberen Lauf der Flöha ein Beispiel kommunaler Vernunft zu entdecken. In Pockau hatte es 1999 schon einmal ein räumlich begrenztes Hochwasser gegeben, das die Sportplätze unweit des Zusammenflusses von Pockau und Flöha überflutete. Kaum hergerichtet, passierte dies im Vorjahr in noch größerem Ausmaß erneut. Verloren erhebt sich nun eine einsame Anzeigetafel über den beiden Zuschauerreihen und dem wüsten Fußballfeld. In die leeren Tore kicken höchstens noch einige Jungen aus der Nachbarschaft. Der FSV Pockau wird hier nicht mehr spielen. Bürgermeister Eberhard Nowack gibt nach zwei Fluten innerhalb von drei Jahren nicht mehr viel auf Hochwasserstatistiken. Der Sportplatz wird verlegt. Das kann allerdings bis zu zwei Millionen Euro kosten, von denen Nowack nicht weiß, inwieweit sie aus dem Fluthilfefonds beglichen werden können. Im Prinzip hat Ministerpräsident Georg Milbradt den Kommunen einen hundertprozentigen Ausgleich der Reparaturkosten zugesagt. Was nichts daran ändert, dass eine Gemeinde wie Pockau erst einmal vorfinanzieren muss, wodurch ihr Zinsverluste entstehen.

Am Ortsausgang von Pockau erhält die Flöha wieder eine natürliche Breite. Doch da hat sie die engeren Ortsbereiche schon passiert. »Wir müssten das 700-jährige Alt-Pockau komplett wegreißen, wollten wir einen dauerhaften Schutz vor Hochwasser«, stellt Bürgermeister Nowack achselzuckend fest. Das geht schlichtweg nicht, und etwas höhere Mauern tun es auch nicht. Insofern ist auch der von fünf auf zehn Meter verbreiterte frei zu haltende Gewässerrandstreifen im Wiederaufbaugesetz nur eine theoretische Größe. Sinngemäß gilt das ebenso für die neu definierte sogenannte HW-100-Vorschrift, die Deichhöhen oder Durchflussmindestmengen für ein hundertjähriges Hochwasser festlegt. Bleibt also doch nur das Vertrauen auf die Statistik?

Die gerät nicht nur wegen der globalen Erwärmung ins Wanken. Im Erzgebirge haben die Niederschlagsextreme zugenommen. Die Durchschnittstemperatur ist in den letzten 30 Jahren um zwei Grad angestiegen. Skiliftbetreiber spüren es besonders. »Ich halte alles für möglich«, schließt Naturschützer Mehnert Wiederholungen keinesfalls aus. Und bestätigt die Erkenntnis des Pockauer Bürgermeisters. »Vor allem in engen Kerbtälern muss man sich entscheiden, ob man weiterhin Verkehr und Besiedlung will oder nicht.« So radikal ist die Alternative, wenn man zu Ende denkt.

Unbelehrbar oder unverdrossen

Die sächsische Landesregierung, die Kommunen, die für den Schutz an Gewässern erster und zweiter Ordnung zuständige Landestalsperrenverwaltung, die Deutsche Bahn, die Bürger vor allem können und wollen so konsequent nicht sein. »Einen absoluten Schutz vor einem solchen Ereignis gibt es nicht«, betont Ministerpräsident Milbradt immer wieder. Will heißen: Es wird auf die Statistik vertraut und weitgehend der Zustand vor der Flut wiederhergestellt. Ergänzende Präventivmaßnahmen haben oft nur kosmetischen Charakter.

Das Tal der Müglitz, die bei Heidenau in die Elbe mündet, ist beispielhaft für ein enges Kerbtal. Zu Füßen des Schlosses Weesenstein suchte sich der entfesselte Fluss ein neues Bett quer über die Schulstraße und riss ein Dutzend Häuser weg. Doch mindestens drei der Totalgeschädigten wollen am selben Platz wieder bauen. Das Recht darauf hätten sie, denn in das Baurecht ist nur insoweit eingegriffen worden, als innerhalb von ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten nicht mehr neu gebaut werden darf. Unbelehrbar oder unverdrossen? Versicherungen zahlen nur, wenn am Schadensort wieder gebaut oder repariert wird. Doch es geht um mehr, um Bodenständigkeit, um jene seltsame Hartnäckigkeit, mit der anderswo Vulkanberge immer wieder besiedelt werden. »Wir können der Müglitz nicht das alte Bett zurückgeben, wenn hier 300 Jahre alte Häuser stehen«, sagt Günther Büschel, dessen kleine Pension von 1702 »nur« überflutet wurde und am Rande der Wasserwüste stehenblieb. Eine kräftige Betonmauer soll nach seinen Vorstellungen den Ort schützen.

Damit liegt er vom kürzlich vorgestellten ersten Hochwasserschutzkonzept des sächsischen Umweltministeriums gar nicht so weit entfernt. Das kapituliert auch weitgehend vor einem naturnahen Hochwasserschutz und setzt auf traditionelle restriktive Maßnahmen. Tatsächlich geht es im Müglitztal um Schutzmauern für Orte und um drei Rückhaltebecken an Zuflüssen. Umweltminister Steffen Flath (CDU) setzt vor allem auf Maßnahmen, die wenig kosten. Landwirte sollen erosionsmindernde Anbaumethoden einführen, sogenannte Mulchsaaten, im Erzgebirge soll verstärkt aufgeforstet werden. Gegen den zähen Widerstand der Anlieger und der Tourismuslobby ist an der Weißeritztalsperre Malter der Wasserstand immerhin um 3,5 Meter gesenkt worden, um den Hochwasserschutzraum zu vergrößern. Um Brückenquerschnitte zu erweitern, will man Talstraßen absenken oder anheben. Die Deutsche Bahn schert sich wenig darum und baut die Sachsen-Magistrale im Weißeritztal oder die Müglitztalbahn genau so wieder auf wie vor dem großen Regen. Weil der ja bekanntlich in frühestens 100 Jahren wiederkommt!

Der einzige Ort, an dem eine Aufschwungsünde konsequent korrigiert wird, ist die Neuansiedlung Röderau-Süd bei Riesa. Für 50 Millionen Euro werden die 400 Einwohner wieder aus der Elbaue umgesiedelt, die zu DDR-Zeiten strikt frei gehalten worden war. Der Bahndamm und der Deich vor Alt-Röderau hatten hier einen zusätzlichen Trog entstehen lassen, in dem die Häuser bis zum ersten Stockwerk versanken. Simone Anders wusste eigentlich, worauf sie sich einließ, als sie Mitte der Neunziger hierher zog. Auch sie vertraute auf die freundliche Elbe, die nur selten einmal gedroht hatte. Eine so günstige Miete von 5,11 Euro für guten Komfort wird sie in Riesa nicht mehr finden. Denn bis zum 30. Juni muss sie umgezogen sein. Wer unbedingt bleiben will, trägt alle Risiken selbst, hat das sächsische Innenministerium verfügt. Es bleibt aber keiner mehr. Nur in Ralf Münchs Werkstatt wird noch an den Autos einiger Stammkunden gewerkelt. Wenn auch er nach Riesa gegangen sein wird, bleibt von dem schmucken Neubaugebiet nur noch ein Geisterdorf.

Geld ist genug da

Streng genommen müsste es viele Röderaus in Sachsen geben. Würden andere Hauseigentümer nicht nur zu 80, sondern ebenfalls zu 100 Prozent entschädigt, könnten sie leichter einen Umzug an einen hochwassersicheren Standort erwägen. Geld ist offensichtlich genug da, nicht nur von staatlicher Seite. Auch im 300 Millionen Euro dicken sächsischen Spendentopf sind noch mindestens 50 Millionen übrig, so dass der Dachverein Sachsen helfen e.V. unter Landesmutter Angelika Meeth-Milbradt jetzt 95.000 Postkarten in Flutgebiete verschickt, um für die Inanspruchnahme des Geldes zu werben! Geld war auch genug da, um an den Gebirgsflussläufen erst einmal wahllos alle Ufergehölze herauszureißen, tiefwurzelnde Erlen eingschlossen. Der Unfug ist durch aufgeschotterte Uferbefestigungen vielfach komplettiert worden. »Hochwasserbeschleunigungskanäle« nannte sie PDS-Umweltpolitikerin Andrea Roth im Landtag. Vielleicht aber regelt ganz im Sinn von Naturschützer Mehnert der Markt doch das künftige Gefährdungspotenzial. In Freital an der Weißeritz beispielsweise klagen schwäbische Hauseigentümer, dass niemand mehr ihre Wohnungen mieten will.